Deutschland braucht mehr französischen Atomstrom

Deutschlands Rolle im europäischen Strommarkt hat sich grundlegend gewandelt – mit spürbaren Folgen für die Energiepolitik und die Versorgungssicherheit. Während die Bundesrepublik über viele Jahre hinweg als stabiler Nettoexporteur galt, ist sie seit dem Atomausstieg im Jahr 2023 zunehmend auf Stromimporte angewiesen. Besonders brisant: Ein wachsender Teil dieses Stroms stammt aus ausländischen Kernkraftwerken – allen voran aus Frankreich.

Wie aktuelle Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen, bleibt Deutschland trotz eines leichten Rückgangs weiterhin Nettoimporteur. Zwar stiegen die Stromexporte im Jahr 2025 wieder deutlich auf 43,1 Terawattstunden (TWh), nachdem sie 2024 auf 35,1 TWh gefallen waren. Gleichzeitig verharren die Importe jedoch auf hohem Niveau: Nach einem kräftigen Anstieg 2024 auf 66,8 TWh lagen sie 2025 immer noch bei rund 65,0 TWh.

Besonders ins Gewicht fällt dabei der Anteil von Atomstrom. Mit 14,3 TWh stammt ein erheblicher Teil der deutschen Stromimporte aus Kernenergie – ein politisch sensibler Befund nach dem vollständigen Ausstieg aus der eigenen Atomkraft. Zweitwichtigste Importquelle ist Wasserkraft mit 12,8 TWh.

Innerhalb Europas hat sich Frankreich als mit Abstand bedeutendster Lieferant etabliert. Rund 9,5 TWh Atomstrom flossen 2025 von dort nach Deutschland – deutlich mehr als aus anderen Ländern wie Belgien, Schweiz, Tschechien, Schweden oder den Niederlande. Besonders auffällig: Gegen Jahresende 2025 nahm die Abhängigkeit weiter zu. In den letzten vier Monaten wurden 3,9 TWh importiert – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Hinter den Zahlen steht ein komplexes Zusammenspiel im europäischen Verbundnetz. Der grenzüberschreitende Stromhandel dient dazu, Schwankungen bei Angebot und Nachfrage auszugleichen – ein Mechanismus, der durch den steigenden Anteil erneuerbarer Energien immer wichtiger wird. Wind- und Solarstrom unterliegen naturgemäß starken Schwankungen, was die Netzstabilität vor neue Herausforderungen stellt.

Besonders deutlich wird das beim sogenannten Redispatch: Um Überlastungen zu vermeiden, drosseln ausländische Kraftwerksbetreiber auf Anforderung deutscher Netzbetreiber ihre Produktion, wenn in Deutschland ein Überangebot an erneuerbarer Energie herrscht. Umgekehrt wird die Leistung gezielt erhöht, wenn Wind- und Solarstrom unerwartet ausfallen. Diese Eingriffe zeigen, wie eng die europäischen Stromsysteme inzwischen miteinander verflochten sind – und wie stark Deutschland auf flexible Kapazitäten im Ausland angewiesen ist.

Dass ausgerechnet Frankreich diese Rolle übernimmt, ist kein Zufall. Das Land setzt strategisch auf den Ausbau der Kernenergie und plant, seine Kapazitäten massiv zu erweitern. Neben der Modernisierung bestehender Anlagen sollen ab 2038 mindestens sechs neue Reaktoren gebaut werden, mit der Option auf weitere Projekte. Gleichzeitig wird eine Verlängerung der Laufzeiten bestehender Kraftwerke auf bis zu 60 Jahre angestrebt.

Für Deutschland ergibt sich daraus ein energiepolitisches Spannungsfeld: Während im Inland der Fokus auf erneuerbaren Energien liegt, wächst gleichzeitig die Abhängigkeit von Atomstrom aus dem Ausland. Die Frage, wie langfristig Versorgungssicherheit, Klimaziele und politische Grundsatzentscheidungen miteinander vereinbar sind, dürfte damit weiter an Brisanz gewinnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert