Neue Drohnenvorfälle an der NATO-Ostflanke verschärfen die sicherheitspolitische Lage in Osteuropa – und zeigen, wie schnell der Krieg zwischen Russland und der Ukraine auf das Gebiet von Bündnisstaaten übergreifen kann. Innerhalb kurzer Zeit sind mehrere ukrainische Drohnen in die Lufträume von Estland und Lettland eingedrungen – offenbar unbeabsichtigt im Zuge eines großangelegten Angriffs auf russische Ziele.
Zunächst war die Lage unklar und sorgte für erhebliche Nervosität in den betroffenen Ländern. In Estland schlug eine Drohne nahe der russischen Grenze ein und traf den Schornstein des Kraftwerks Auvere, nur wenige Kilometer von russischem Territorium entfernt. Behörden gingen anfangs davon aus, dass es sich um einen gezielten russischen Angriff handeln könnte. Entsprechend alarmiert reagierte die Regierung in Tallinn und berief umgehend eine Sondersitzung des Kabinetts ein.
Inzwischen haben estnische Sicherheitsbehörden Entwarnung gegeben – zumindest teilweise: Die Drohne sei Teil einer ukrainischen Angriffswelle gegen Ziele in Russland gewesen und offenbar vom Kurs abgekommen oder durch elektronische Gegenmaßnahmen fehlgeleitet worden. Trotz des Einschlags blieb der Vorfall glimpflich: Weder gab es Verletzte noch relevante Schäden an der Energieinfrastruktur.
Auch in Lettland kam es nahezu zeitgleich zu zwei ähnlichen Zwischenfällen. Militärangaben zufolge wurde zunächst ein Flugobjekt aus Richtung Belarus im Luftraum registriert, das jedoch wieder abdrehte und nach Russland zurückflog. Wenig später drang eine weitere Drohne in den lettischen Luftraum ein und explodierte schließlich nahe eines Dorfes im Südosten des Landes. Ein Eingreifen der Luftwaffe war nicht mehr erforderlich. Auch hier gehen die Behörden davon aus, dass die Drohnen ihr eigentliches Ziel verfehlten.
Die Vorfälle stehen im Zusammenhang mit einer massiven ukrainischen Drohnenoffensive gegen Russland. Nach Angaben aus Moskau wurden hunderte Langstreckendrohnen abgefangen – laut staatlichen Medien handelte es sich um den bislang größten Angriff dieser Art seit Kriegsbeginn. Ziel waren unter anderem strategisch wichtige Hafenstädte an der Ostsee.
Für die NATO-Staaten entlang der russischen Grenze wächst damit die Sorge vor unbeabsichtigten Zwischenfällen mit potenziell schwer kalkulierbaren Folgen. Bereits in den vergangenen Wochen waren ähnliche Fälle registriert worden, etwa in Litauen, Rumänien und Moldau. Immer wieder geraten Drohnen oder Trümmerteile in den Luftraum benachbarter Staaten.
Scharfe Kritik kommt aus Litauen: Verteidigungsminister Robertas Kaunas machte Russland direkt für die Eskalation verantwortlich. Der Krieg habe eine Situation geschaffen, in der binnen weniger Tage Drohnen in allen drei baltischen Staaten abgestürzt seien. Zugleich warnte er vor strukturellen Defiziten bei der Luftverteidigung – nicht nur in seinem Land, sondern im gesamten NATO-Bündnis.
Die jüngsten Ereignisse verdeutlichen, wie fragil die Sicherheitslage an der östlichen NATO-Grenze geworden ist. Selbst fehlgeleitete Drohnen können dort schnell zu internationalen Zwischenfällen werden – mit wachsendem Risiko für eine weitere Eskalation.


