Über 320 Sabotage-Verdachtsfälle in 2025

Die Zahl mutmaßlicher Sabotageakte in Deutschland hat im vergangenen Jahr ein neues Ausmaß erreicht. Nach einem eingestuften Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA), das NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung vorliegt, wurden bundesweit 321 Sabotage-Verdachtsfälle registriert. Und auch zu Beginn des neuen Jahres reißt die Serie nicht ab: Schon in den ersten Januartagen meldeten die Behörden mehrere Vorfälle, die Ermittler aufhorchen lassen.

Verdächtige Vorfälle gleich zu Jahresbeginn

Am 7. Januar drangen Unbekannte in ein Umspannwerk in Wuppertal ein, brachen eine Tür auf und ließen Werkzeug zurück. Nur einen Tag später registrierte die Polizei im bayerischen Starnberg einen versuchten Einbruch in eine Windenergieanlage. Am 9. Januar verschwanden in Oberhausen zwei Funkgeräte der Deutschen Bahn, mit denen der Rangierfunk des Güterverkehrs abgehört werden könnte.

Besonders brisant: Wenige Tage später entgleiste in Essen eine Lokomotive eines Güterzuges, der mit gefährlichen Chemikalien wie Chlor, Formaldehyd und Nitrobenzol beladen war. Ermittler fanden Metallklammern am Gleis. Pikant ist der Umstand, dass auf derselben Strecke eigentlich ein Transport mit Munition und Ausrüstung für das US-Militär geplant war – dieser wurde jedoch kurzfristig umgeleitet.

NRW und Niedersachsen besonders betroffen

Seit Oktober 2025 sammelt das BKA solche Vorfälle systematisch in der neu eingerichteten Informationssammelstelle „Zeitenwende“. Das interne Lagebild zeigt eine klare regionale Häufung: Die meisten Sabotage-Verdachtsfälle wurden in Nordrhein-Westfalen (88) und Niedersachsen (51) registriert. Es folgen Bayern und Sachsen mit jeweils 30 Fällen. Erfasst werden Vorfälle unter anderem an Bahnanlagen, Kraftwerken, Umspannwerken, Wasserwerken, Flughäfen sowie bei Bundeswehr und Polizei.

Drohnen über kritischer Infrastruktur

Zusätzlich verzeichnen die Behörden eine wachsende Zahl mutmaßlicher Ausspähungen aus der Luft. Im vergangenen Jahr meldeten Stellen bundesweit 1.289 Sachverhalte mit insgesamt 2.310 beobachteten Drohnenüberflügen. Teilweise wurden mehrere Flugobjekte gleichzeitig gesichtet.

So beobachtete die Besatzung des Bundespolizeischiffs „Bayreuth“ in der Nacht zum 11. Januar mehrere rot-grün blinkende Objekte über der Ostsee. Zwei Drohnen sollen zeitweise über Fehmarn gekreist sein – just zu dem Zeitpunkt, als sich ein aus Russland kommender Öltanker in der Nähe befand.

Verdacht auf russische Geheimdienste

Die Sicherheitsbehörden halten es für möglich, dass hinter einem Teil der Vorfälle russische Nachrichtendienste stehen. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes richten sich die Aktivitäten vor allem gegen militärische Einrichtungen und kritische Infrastruktur wie Energieversorgung und Verkehrssysteme.

Dabei setzen die Dienste offenbar zunehmend auf sogenannte „Wegwerf-Agenten“: keine professionellen Spione, sondern angeworbene Einzelpersonen, die über das Internet kontaktiert und für vergleichsweise einfache Ausspäh- oder Sabotageaufträge bezahlt werden. In mehreren europäischen Ländern, auch in Deutschland, wurden solche Akteure bereits festgenommen. Russland bestreitet jede Beteiligung.

Neues Abwehrzentrum geplant

Als Reaktion plant das Bundesinnenministerium ein neues Abwehrzentrum gegen hybride Bedrohungen beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Ziel ist es, Spionage- und Sabotagehinweise schneller zu bündeln, auszuwerten und koordiniert darauf zu reagieren. Bereits seit Oktober 2025 tauschen sich Vertreter von Bund und Ländern wöchentlich in Köln über aktuelle Verdachtsfälle aus.

Erfolge – aber auch offene Fragen

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges hat die Zahl solcher Vorfälle deutlich zugenommen. Ermittler konnten zuletzt auch Erfolge verbuchen: In Polen wurden mehrere Personen angeklagt, weil sie mutmaßlich Brandsätze in Luftfracht schmuggelten – ein Vorfall, der in Leipzig beinahe in einer Katastrophe geendet wäre. In München wurden drei Männer verurteilt, die Bahnstrecken für mögliche Anschläge auf Militärtransporte ausgespäht hatten.

Gleichzeitig bleiben viele Fälle ungeklärt. In besonders sensiblen Ermittlungen – etwa zu manipulierten Kabelbäumen auf Marineschiffen oder Altöl im Trinkwassersystem eines Schiffs – konnten keine Täter ermittelt werden, die Verfahren wurden eingestellt.

Nicht jeder Verdacht bestätigt sich

Die Behörden räumen ein, dass sich nicht jeder Alarm als Sabotage bestätigt. Drohnensichtungen oder beschädigte Zäune entpuppen sich mitunter als Fehlwahrnehmungen oder banale Ursachen. Dennoch bleibt die Lage angespannt. Das BKA und die Verfassungsschutzbehörden sehen in der Summe der Vorfälle ein ernstzunehmendes Muster – und eine wachsende Herausforderung für die innere Sicherheit.

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