Frankreich hat mit der groß angelegten Militärübung „Orion 26“ eines der umfangreichsten Manöver seiner jüngeren Geschichte begonnen. Über einen Zeitraum von drei Monaten trainieren rund 12.000 Soldatinnen und Soldaten gemeinsam mit zahlreichen Land-, Luft- und Seeeinheiten für Szenarien eines möglichen hochintensiven Krieges in Europa. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums handelt es sich um die größte Übung dieser Art seit dem Ende des Kalten Krieges.
Ziel des Manövers ist es, die Streitkräfte auf komplexe Gefechtslagen vorzubereiten, in denen klassische militärische Operationen mit hybriden Bedrohungen kombiniert auftreten. Neben Gefechtseinsätzen im Feld werden vor allem Führungs-, Kommunikations- und Logistikstrukturen unter realitätsnahen Bedingungen getestet. Die Armee soll überprüfen, ob große Verbände schnell verlegt, koordiniert und dauerhaft versorgt werden können.
Der sicherheitspolitische Hintergrund ist eindeutig: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen seit Jahren an, zugleich registrieren europäische Behörden eine Zunahme hybrider Angriffe, die häufig Moskau zugeschrieben werden. NATO-Generalsekretär Mark Rutte warnte zuletzt, Russland könne innerhalb weniger Jahre auch das Bündnis direkt ins Visier nehmen. Vor diesem Kontext erhält „Orion 26“ eine deutlich strategische Dimension.
Das Manöver umfasst mehrere Phasen. Zum Auftakt ist in der Bretagne eine simulierte amphibische und luftgestützte Landung vorgesehen. Insgesamt beteiligen sich drei Brigaden, rund 1.800 taktische Fahrzeuge, etwa 30 Hubschrauber sowie rund 800 Drohnen – ein Waffensystem, das im Ukrainekrieg eine zentrale Rolle spielt. Zusätzlich sind umfangreiche Luftoperationen geplant.
In einer anschließenden Übungsphase simulieren französische und verbündete Kräfte Gefechte im offenen Gelände, Gegenangriffe sowie das Überwinden natürlicher Hindernisse wie der Flüsse Seine und Aube – teils unter Einsatz scharfer Munition. Dabei sollen vor allem das Zusammenspiel der Truppenteile sowie die Belastbarkeit der Versorgungsketten überprüft werden. Auch Reservistinnen und Reservisten aller Teilstreitkräfte werden in die Übungen integriert.
Das Szenario von „Orion 26“ basiert auf einem fiktiven Konflikt zwischen zwei erfundenen Staaten namens Merkur und Arnland. Merkur wird als expansionistische Macht beschrieben, die ihren Nachbarn mit hybriden Angriffen destabilisiert und dessen Annäherung an westliche Bündnisse verhindern will. Die Lagebeschreibung orientiert sich laut Verteidigungsministerium bewusst an der aktuellen sicherheitspolitischen Situation in Europa.
Neben klassischen Gefechtsoperationen stehen auch Cyberangriffe, Operationen im Informationsraum sowie militärische Aktivitäten im Weltraum auf dem Trainingsplan. Insgesamt beteiligen sich 24 mit Frankreich verbündete Staaten an der Übung, darunter die USA, Japan, die Schweiz und Marokko. Ein zentrales Ziel ist es, die Interoperabilität mit NATO-Partnern zu testen und gemeinsame Einsatzfähigkeit unter realistischen Bedingungen nachzuweisen.
Nach Einschätzung des französischen Verteidigungsministeriums ist eine direkte Beteiligung an einem hochintensiven Konflikt in Europa nicht mehr auszuschließen. „Orion 26“ soll deshalb das Ausbildungsniveau und die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte deutlich erhöhen – und zugleich ein politisches Signal der Abschreckung senden.


