Kariwa. Erstmals seit der verheerenden Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 will der japanische Energiekonzern Tepco wieder einen Reaktor ans Netz bringen. Der Betreiber des damals havarierten Kraftwerks Fukushima Daiichi kündigte an, im Januar erstmals seit 14 Jahren einen Block des Atomkraftwerks Kashiwazaki-Kariwa hochzufahren – der größten Nuklearanlage der Welt.
„Als das für den Unfall von Fukushima Daiichi verantwortliche Unternehmen werden wir die gewonnenen Erkenntnisse und Lehren konsequent anwenden“, erklärte Tepco-Präsident Tomoaki Kobayakawa. Sicherheit habe dabei „oberste Priorität“. Nach aktuellen Planungen soll der erste Reaktorblock am 20. Januar wieder hochgefahren werden.
Rückendeckung erhielt Tepco in dieser Woche aus der Präfektur Niigata, in der das Kraftwerk liegt. Das Regionalparlament billigte die teilweise Wiederinbetriebnahme der Anlage. Für Japan ist dies ein energiepolitisch bedeutsamer Schritt: Es handelt sich um die erste Reaktorreaktivierung seit mehr als einem Jahrzehnt.
Die Katastrophe von Fukushima Daiichi war durch ein schweres Erdbeben und einen Tsunami im März 2011 ausgelöst worden. In mehreren Reaktorblöcken kam es zur Kernschmelze – die schlimmste Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl. In der Folge schaltete Japan alle 54 Atomreaktoren des Landes ab. International hatte das Ereignis weitreichende Folgen: In Deutschland beschleunigte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel daraufhin den Atomausstieg.
Inzwischen vollzieht Japan jedoch eine vorsichtige Kehrtwende. Von den ehemals 54 Reaktoren gelten noch 33 als grundsätzlich betriebsfähig, 14 davon wurden bereits wieder hochgefahren. Hintergrund ist die angespannte Energieversorgung des rohstoffarmen Landes: Tokio will die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen reduzieren und den Anteil der Kernenergie am Energiemix in den kommenden Jahren verdoppeln.
Das Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa blickt selbst auf eine bewegte Geschichte zurück. Bereits 2007 wurde die Anlage durch ein Erdbeben der Stärke 6,6 beschädigt, woraufhin alle laufenden Blöcke automatisch abgeschaltet wurden. Nach umfangreichen Reparaturen und Nachrüstungen gingen 2009 die Blöcke 6 und 7 wieder ans Netz, 2010 folgten die Blöcke 1 und 5. Die Reaktoren 2, 3 und 4 blieben jedoch außer Betrieb.
Nach Fukushima wurden aus Sicherheitsgründen bis März 2012 erneut alle Reaktoren des Kraftwerks heruntergefahren. Tepco investierte anschließend massiv in zusätzliche Schutzmaßnahmen, insbesondere gegen Tsunamis, und drängte auf eine schnelle Wiederinbetriebnahme. Die japanische Atomaufsichtsbehörde NRA untersagte den Betrieb jedoch wegen gravierender Sicherheitsbedenken. Erst im Dezember 2023 wurde das langjährige Betriebsverbot aufgehoben.
Ein erster Schritt folgte im April 2024: Block 7 wurde erstmals wieder mit Brennelementen beladen. Die tatsächliche Stromproduktion wird dort allerdings frühestens 2029 erwartet. Für Block 6 sieht der Zeitplan schnelleres Handeln vor. Nachdem das lokale Parlament im Dezember 2025 grünes Licht gegeben hatte, könnte dieser Reaktor bereits im Januar 2026 wieder Strom liefern.
Die geplante Wiederinbetriebnahme markiert damit nicht nur einen Wendepunkt für Tepco, sondern auch für Japans Energiepolitik insgesamt – zwischen Sicherheitsversprechen, politischem Druck und der Rückkehr zur Kernenergie.


