Venezolanische Öltanker unterlaufen US-Blockade

Trotz einer von den USA verhängten Seeblockade haben offenbar zahlreiche sanktionierte Öltanker venezolanische Häfen verlassen. Mindestens 16 Schiffe, die unter US-Sanktionen stehen, sind nach Recherchen der „New York Times“ in den vergangenen Tagen ausgelaufen – teils mit Rohöl beladen, teils unter Einsatz gezielter Täuschungstechniken. Der Vorgang markiert eine neue Eskalationsstufe im geopolitischen Ringen um Venezuelas Öl und die Wirksamkeit internationaler Sanktionen.

Wie die Zeitung unter Berufung auf eigene Satellitenanalysen berichtet, hatten die Tanker zuvor wochenlang in venezolanischen Häfen gelegen. Nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro am Samstag seien sie jedoch nicht mehr an ihren Liegeplätzen nachweisbar gewesen. Vier der Schiffe konnten auf offener See lokalisiert werden, rund 30 Seemeilen vor der venezolanischen Küste. Diese Tanker nutzten demnach falsche Schiffsnamen und manipulierten ihre Positionsdaten – ein Vorgehen, das in der Schifffahrt als „Spoofing“ bekannt ist.

Drei der georteten Schiffe sollen Rohöl geladen haben, während ein vierter Tanker offenbar leer ist und deshalb schneller vorankommt. Zwölf weitere Tanker haben ihre automatischen Identifikationssysteme (AIS) vollständig abgeschaltet und gelten derzeit als nicht auffindbar. Dieses bewusste „Verschwinden“ gilt als klassisches Merkmal sogenannter Geisterschiffe.

Politisch brisant ist der Zeitpunkt der Ausfahrten. Nach monatelangem Druck auf Caracas hatten die USA in der Nacht auf Samstag militärische Ziele in Venezuela bombardiert und Maduro außer Landes gebracht. Seine bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez führt seither eine Übergangsregierung. Nach Einschätzung der „New York Times“ verließen die vier georteten Tanker die Häfen ohne Genehmigung dieser neuen Führung – ein mögliches erstes Anzeichen offenen Widerstands gegen die Interimspräsidentin.

15 der 16 betroffenen Schiffe standen bereits zuvor auf Sanktionslisten, unter anderem wegen früherer Transporte von iranischem oder russischem Öl. Mehrere der Tanker sollen unter wechselnden Identitäten unterwegs sein oder ihre Positionen so manipuliert haben, dass sie auf Ortungssystemen scheinbar Tausende Kilometer entfernt auftauchten.

US-Präsident Donald Trump hatte Mitte Dezember eine vollständige Blockade für sanktionierte venezolanische Öltanker angeordnet. Ausgenommen sind lediglich Lieferungen des US-Konzerns Chevron, der weiterhin Öl aus Venezuela in die Vereinigten Staaten exportieren darf. US-Streitkräfte haben seit Inkrafttreten der Blockade nach eigenen Angaben bereits drei Tanker gestoppt, die versuchten, venezolanisches Öl zu transportieren.

Die Umgehung von Sanktionen durch sogenannte Schatten- oder Geisterflotten ist jedoch kein Einzelfall. Ähnliche Methoden werden seit Jahren von Russland und Iran genutzt: Schiffsnamen und Flaggen werden gewechselt, Identitäten stillgelegter Tanker übernommen oder Ortungssignale gezielt verfälscht. Das Finanzdatenunternehmen S&P Global schätzt, dass weltweit rund jeder fünfte Öltanker für den Transport von Rohöl aus sanktionierten Staaten eingesetzt wird.

Der jüngste Vorfall wirft erneut die Frage auf, wie durchsetzungsfähig maritime Sanktionen in Zeiten globalisierter Schifffahrt tatsächlich sind – und ob die USA ihre Blockade gegen Venezuela langfristig kontrollieren können.

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