Seit mehr als einer Woche erlebt der Nordwesten Marokkos eine der schwersten Überschwemmungen der vergangenen Jahre. Heftiger Dauerregen hat Flüsse über die Ufer treten lassen, ganze Ortschaften unbewohnbar gemacht und zehntausende Menschen zur Flucht gezwungen. Ein Ende der Krise ist nicht absehbar – Meteorologen rechnen mindestens bis Mitte der kommenden Woche mit weiteren Niederschlägen.
Besonders dramatisch ist die Lage in Ksar El Kebir. In der Nacht heulen dort Sirenen durch die Straßen, Lautsprecherfahrzeuge fordern die Bevölkerung auf, ihre Häuser sofort zu verlassen. Videos in sozialen Netzwerken zeigen eine Stadt im Ausnahmezustand. Die 125.000-Einwohner-Stadt ist nahezu menschenleer: Nach Angaben des Innenministeriums wurden mehr als 100.000 Menschen vorsorglich evakuiert – doppelt so viele wie noch einen Tag zuvor. Straßen und Bahnverbindungen sind gekappt, Strom, Internet und Wasserversorgung wurden abgeschaltet.
Wo sonst das Alltagsleben pulsiert, gleichen viele Viertel nun einer Geisterstadt. Rettungskräfte bringen Menschen mit Booten und Jetskis von Hausdächern in Sicherheit, während das Hochwasser weiter steigt. Ksar El Kebir ist eigentlich als Heimatregion der Familie von Fußballstar Achraf Hakimi bekannt – nun steht der Ort sinnbildlich für das Ausmaß der Katastrophe.
Zeltlager und Zwangsevakuierungen
Rund 100 Kilometer südlich, in der Provinz Sidi Slimane, suchen hunderte Familien Schutz in Notlagern. Auf Schulgeländen hat das Militär knallblaue Zelte errichtet, mehr als 500 Familien leben dort unter schwierigen Bedingungen. Die Lager werden von den Streitkräften organisiert, Gespräche mit Betroffenen sind kaum möglich – unabhängige Berichterstattung ist stark eingeschränkt.
Hinter dem massiven Einsatz steht eine klare politische Vorgabe: König Mohammed VI. hat das Militär angewiesen, die Zivilbevölkerung um jeden Preis zu schützen. Nach den verheerenden Überschwemmungen im Süden des Landes im vergangenen Dezember, bei denen 37 Menschen ums Leben kamen, soll diesmal ein solches Szenario unbedingt verhindert werden. Deshalb greifen die Behörden auch zu Zwangsevakuierungen.
Gefahr durch überfüllte Staudämme
Besondere Sorge bereiten die extrem hohen Wasserstände der Staudämme. Das Wasserministerium meldet beim wichtigen Damm Oued El Makhazine nahe Ksar El Kebir eine Füllmenge von nahezu 150 Prozent. Kontrollierte Wasserablassungen sollen den Druck mindern, lassen jedoch zugleich die Pegel des Flusses Loukkos weiter steigen. Die Behörden betonen, das mehr als 50 Jahre alte Bauwerk sei stabil, Hinweise auf strukturelle Schäden gebe es nicht.
Infrastruktur bricht zusammen
Die Wassermassen haben auch die Infrastruktur schwer getroffen. Ein Sturm beschädigte die Küstenstraße bei Tanger, wichtige Verkehrsachsen im gesamten Nordwesten sind unterbrochen. Straßen zwischen Tanger und Tetouan sowie zwischen Meknes und Kenitra stehen zeitweise unter Wasser. Entlang zentraler Verkehrswege reihen sich Notzelte aneinander, davor haben sich große Wasserflächen gebildet.
Trotz Kälte und Regen versuchen die Menschen, einen Alltag zu organisieren. Kinder spielen zwischen den Zelten, Schafe grasen am Rand der überschwemmten Flächen. Doch die Unsicherheit ist allgegenwärtig.
Verzweiflung und Ungewissheit
Abdelkrim, ein 45-jähriger Bauer aus dem Dorf Douar Oullad Amer, berichtet von der Flucht vor den Fluten. Das Wasser habe ihm bis zum Hals gestanden. Er sei vor zwei Tagen mit fünf Kühen rund 30 Kilometer zu Fuß marschiert, um Hilfe zu finden. Seine Frau und die vier Kinder seien bei Verwandten untergekommen, er selbst kümmere sich um das Vieh. Ob es Entschädigungen geben werde, wisse niemand. Sein Haus aus Lehm werde die Überschwemmung nicht überstehen.
Experten gehen davon aus, dass sich das Wasser frühestens in zwei bis drei Wochen zurückziehen könnte. Für viele Betroffene bedeutet das: monatelanger Wiederaufbau – falls überhaupt noch etwas zu retten ist.
Der Nordwesten Marokkos bleibt damit im Krisenmodus. Solange der Regen anhält, wächst die Angst vor weiteren Evakuierungen und neuen Schäden. Die Behörden setzen alles daran, Menschenleben zu schützen – doch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen dieser Flutkatastrophe werden das Land noch lange beschäftigen.


