Berlin. Sie trägt das blaue Auge mit gesenktem Blick – und schweigt. Aus Angst vor den nächsten Schlägen, aus Scham, weil sie sich selbst die Schuld gibt. Was wie ein Einzelschicksal klingt, ist bittere Realität für Hunderttausende Frauen in Deutschland. Eine neue Lageanalyse des Bundeskriminalamts (BKA) zeigt: Gewalt gegen Frauen nimmt weiter zu – zu Hause, auf der Straße und immer häufiger im Netz.
Häusliche Gewalt auf neuem Höchststand
Die aktuellen Zahlen sind alarmierend. 187.128 Frauen und Mädchen wurden im vergangenen Jahr Opfer häuslicher Gewalt – ein Plus von 3,5 Prozent. Am stärksten betroffen sind Frauen zwischen 30 und 60 Jahren, gefolgt von jungen Erwachsenen. Das BKA betont, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt: Viele Betroffene wagen nicht, Anzeige zu erstatten.
Was oft mit Kontrolle beginnt – „Mit wem schreibst du?“ – endet allzu häufig in Erniedrigung, Drohungen und Schlägen. Der Kreislauf aus Gewalt, Reue und Schweigen zerstört Selbstbewusstsein und Handlungsfähigkeit, bis Opfer glauben, keine Alternative mehr zu haben.
Massiver Anstieg frauenfeindlicher Straftaten
Besonders drastisch fällt der Zuwachs im Bereich der politisch motivierten, frauenfeindlichen Kriminalität aus. 558 Fälle registrierte das BKA im vergangenen Jahr – ein Anstieg von mehr als 70 Prozent. Hinter diesen Taten steckt meist blanker Frauenhass, der sich in Beschimpfungen, Hetze, Propaganda und auch in körperlichen Angriffen äußert. 39 Gewaltdelikte wurden erfasst, 24 Frauen wurden verletzt.
Digitale Gewalt breitet sich aus
Parallel wächst die Bedrohung im Netz. 18.224 Frauen wurden Opfer digitaler Gewalt – eine Zunahme um 6 Prozent. Drohungen per Nachricht, unerlaubte intime Aufnahmen, GPS-Überwachung: Der Zugriff der Täter endet nicht mehr an der Haustür. Besonders rasant steigen Nötigung, Bedrohung und Stalking – um mehr als 135 Prozent in fünf Jahren.
Auch sexuelle Übergriffe im digitalen Raum nehmen zu. Der Missbrauch über Chats, soziale Netzwerke oder Livestreams wächst weiter.
Sexualisierte Gewalt: Alle zehn Minuten ein Opfer
Täglich werden fast 150 Frauen und Mädchen Opfer sexualisierter Gewalt. 53.451 Betroffene zählte das BKA bundesweit. Besonders erschütternd: Fast die Hälfte der Opfer ist minderjährig. 97,9 Prozent der Täter sind Männer – viele davon selbst noch jung.
Eine früh erlebte Tat zerstört oft das gesamte weitere Leben. Viele der Opfer leiden jahrzehntelang unter Angst, Trauma und Scham.
Tötungsdelikte: Gewalt im engsten Umfeld
859 Frauen und Mädchen wurden im vergangenen Jahr Opfer versuchter oder vollendeter Tötungen. 308 von ihnen überlebten die Attacke ihres Partners oder Ex-Partners nicht. Die Zahl macht deutlich: Für viele Frauen ist ausgerechnet das eigene Zuhause der gefährlichste Ort.
Zwar verzichtet die Polizei auf den Begriff „Femizid“, doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die meisten Täter stammen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld.
Wer sind die Täter?
Ob häusliche Gewalt, Sexualdelikte oder digitale Übergriffe – die Mehrheit der Tatverdächtigen sind Männer, häufig deutsche Staatsbürger. Unterschiede zeigen sich je nach Delikt: Während bei digitaler Gewalt über 76 Prozent deutsche Täter sind, dominiert bei Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung mit 80,5 Prozent der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger.
Propaganda und Frauenhass als Brandbeschleuniger
Die Studie warnt: Misogynie verbreitet sich zunehmend über soziale Netzwerke, extremistische Ideologie und gezielte Desinformation. Sie schürt Ablehnung von Gleichberechtigung – und erhöht die Gefahr von Gewalt.
Hilfe ist möglich – wenn Frauen sich trauen zu sprechen
Viele Betroffene stehen vor einer Wand aus Angst, Scham und Abhängigkeit. Doch Wege aus der Gewalt gibt es: Beratungsstellen, Polizei, Hotlines – oder eine Freundin, die zuhört. Jede Frau, die spricht, bricht das Schweigen. Jede Meldung kann ein Leben retten.


