Die Debatte um Krankmeldungen in Deutschland gewinnt an Schärfe. Die CSU fordert ein Ende der telefonischen Krankschreibung und begründet dies mit den aus ihrer Sicht dramatisch gestiegenen Fehlzeiten und einer zunehmenden Belastung der Wirtschaft. Die Regelung, die während der Corona-Pandemie eingeführt wurde und seit Ende 2023 dauerhaft gilt, sei nicht mehr zeitgemäß und anfällig für Missbrauch.
In einem Entwurf für die Klausurtagung der CSU-Landesgruppe, die am 6. Januar beginnt, heißt es, die telefonische Krankschreibung habe zu einem massiven Anstieg der Fehltage geführt. Nach CSU-Angaben seien diese seit Einführung der Regelung um rund 40 Prozent gestiegen. „Diesen Zustand, der unsere Wirtschaft zunehmend belastet, wollen wir beenden“, heißt es in dem Papier, aus dem die „Augsburger Allgemeine“ vorab zitierte.
CSU-Landesgruppenvorsitzender Alexander Hoffmann warnt vor den wirtschaftlichen Folgen. Deutschland verliere im internationalen Wettbewerb weiter an Boden, wenn die Arbeitsausfälle nicht begrenzt würden. Wer krank sei, solle künftig wieder persönlich eine Arztpraxis aufsuchen müssen, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten. Das sei ein notwendiger Schritt, um Fehlanreize zu beseitigen und die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu sichern.
Rückenwind bekommt die CSU von den Arbeitgeberverbänden. Auch sie drängen seit Längerem auf eine Abkehr von der telefonischen Krankschreibung. BDA-Präsident Rainer Dulger bezeichnete die Regelung als „Einfallstor für Missbrauch“. Sie sei ein pandemiebedingtes Notinstrument gewesen, habe aber im normalen Alltag nichts mehr verloren. Als Alternative verweist Dulger auf Videosprechstunden, die aus seiner Sicht eine bessere medizinische Kontrolle ermöglichten.
Darüber hinaus fordern die Arbeitgeber weitreichende Einschnitte bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. So solle diese künftig auf insgesamt sechs Wochen pro Jahr begrenzt werden – und nicht mehr für jede einzelne Erkrankung gelten. Auch Zuschläge für Nacht-, Sonn- und Mehrarbeit sollten nach dem Willen der Wirtschaft nicht länger fortgezahlt werden. Internationale Vergleiche zeigten, so Dulger, dass großzügige Regelungen bei der Lohnfortzahlung häufig mit höheren Fehlzeiten einhergingen, insbesondere bei leichteren Erkrankungen.
Der Hintergrund der Debatte ist ein im internationalen Vergleich auffällig hoher Krankenstand. Nach Daten der OECD fehlten Beschäftigte in Deutschland im Jahr 2022 durchschnittlich an 25 Tagen krankheitsbedingt – mehr als in allen anderen untersuchten Industrieländern. Kritiker sehen darin ein Alarmsignal für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, während Gewerkschaften und Sozialverbände vor einer Aushöhlung des Arbeitnehmerschutzes warnen.
Ob die Forderungen von CSU und Arbeitgebern politisch umgesetzt werden, ist offen. Klar ist jedoch: Die telefonische Krankschreibung ist vom pandemischen Ausnahmeinstrument zu einem zentralen Streitpunkt der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik geworden.


