Bundeswehr sucht händeringend IT-Fachkräfte

Berlin. Zugige Gänge, schwere Stahltüren, der Blick über den Marinehafen von Wilhelmshaven: Für rund 30 junge Frauen und Männer bietet die Fregatte Mecklenburg-Vorpommern an diesem Tag mehr als nur Seeluft. Sie nehmen am ersten IT-Cyber-Camp der Bundeswehr teil – ein neues Rekrutierungsformat, das dringend benötigte Fachkräfte anlocken soll.

Eigentlich ist das Schiff wegen Bauarbeiten für Journalisten gesperrt. Doch diesmal dürfen die Teilnehmer ausnahmsweise an Bord. Sie sind zwischen 16 und Mitte 20, technikaffin, aber längst nicht alle IT-Profis. Viele wollen vor allem sehen, wie Leben und Arbeit an Bord eines Kriegsschiffes aussehen. Auf ihrem Rundgang besuchen sie die Kommandobrücke, das Operationszentrum und den Leitstand – Orte, an denen maritime Einsatzrealität und digitale Vernetzung längst miteinander verschmolzen sind.

Cyber-Abwehr statt Nerd-Klischees

„Das sind keine Cola-trinkenden Nerds, die nachts vor dem Bildschirm kleben“, betont Kapitänleutnant Dominik Hagenah vom Karrierecenter der Bundeswehr. Doch gerade kreative Köpfe brauche man, um den täglichen Flut an Cyber-Angriffen zu begegnen.

Dafür hat die Bundeswehr Anfang April die neue Cyber- und Informationsraum-Truppe (CIR) in Dienst gestellt. Bereits im Sommer soll die Einheit auf rund 13.500 Soldatinnen und Soldaten anwachsen. Die Aufgaben: Netzwerke schützen, Angriffe abwehren – und im Ernstfall selbst digitale Operationen ausführen.

Kampf um IT-Fachkräfte

Die Bundeswehr sucht aktuell rund 1.800 IT-Experten – 1.000 als spezialisierte Soldaten, 800 in zivilen und militärischen IT-Jobs. Auch die Wirtschaft ringt um Talente: Laut Bitkom waren 2016 rund 51.000 IT-Stellen unbesetzt, ein Plus von 20 Prozent binnen eines Jahres.

„Finanziell können wir nicht mit allem mithalten“, räumt Hagenah ein. Dafür punkte man mit Teamgeist, Verantwortung und ungewöhnlichen Einsatzgebieten – von Rechenzentren bis Fregatten.

Kritik: „Das Internet wird zum Kriegsgebiet“

Während die Bundeswehr offensiv um IT-Talente wirbt, gibt es auch skeptische Stimmen. Der Chaos Computer Club warnt davor, den digitalen Raum zu militarisieren. „Das schöne Internet wird zum Kriegsschauplatz gemacht“, sagt CCC-Sprecher Linus Neumann. Sabotage im Netz habe das Potenzial, internationale Konflikte zu eskalieren.

Cyber-Angriffe im Alltag der Marine? „Auf dem Schiff merkt man nichts“

Über 280.000 Cyber-Attacken auf die Bundeswehr wurden allein in den ersten zwei Monaten des Jahres registriert. Doch an Bord der Mecklenburg-Vorpommern sei davon nichts zu spüren, sagt Fregattenkapitän Christian Schultze. Das Schiff gilt als sicher – gebraucht werden aber trotzdem IT-Experten, die im Hintergrund digitale Systeme stabil halten.

Im August sticht die Fregatte erneut ins Mittelmeer, um im Rahmen der Operation „Sophia“ gegen Schleusernetzwerke vorzugehen.

Neue Wege im Recruiting

Mit deutlich mehr Medienpräsenz und modernen Kampagnen versucht die Bundeswehr seit einigen Jahren, ihr Image zu wandeln. Die Youtube-Serie „Die Rekruten“ war 2016 ein riesiger Erfolg – und das Cyber-Camp ist nun der nächste Schritt, um die Generation der Digital Natives zu erreichen.

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