Ein ungewöhnlicher Polizeieinsatz hat am Dienstag in St. Ingbert im Saarland für Aufsehen gesorgt. Polizei, Feuerwehr, Strahlenschutzbehörden und speziell ausgebildete CBRN-Einheiten waren an mehreren Orten im Stadtgebiet im Einsatz. Hintergrund sind Ermittlungen gegen einen 24-jährigen Mann, der im Verdacht steht, unsachgemäß mit radioaktiven Mineralien umgegangen zu sein. Nach Angaben der Behörden besteht keine Gefahr für die Bevölkerung. Dennoch wurde der Einsatz mit erheblichem Aufwand durchgeführt, da zunächst geklärt werden musste, um welches Material es sich handelt, welche Strahlungswerte vorliegen und ob möglicherweise eine Kontamination vorliegt.
Einsatz an mehreren Orten in St. Ingbert
Die Einsatzkräfte waren unter anderem im Bereich des ehemaligen beziehungsweise heutigen Drahtwerk-Nord-Areals sowie in der Josefstaler Straße tätig. Auch ein weiterer Standort wurde im Verlauf des Einsatzes untersucht. Der 24-Jährige wurde zunächst in seinem Fahrzeug kontrolliert. Dabei überprüften die Einsatzkräfte, ob sich an dem Mann oder an seinem Auto radioaktive Kontaminationen feststellen ließen. Nach den bisherigen Erkenntnissen war dies nicht der Fall. Anschließend konzentrierten sich die Maßnahmen unter anderem auf die Wohnung des Mannes in der Josefstaler Straße. Dort wurden Messungen durchgeführt.
Strahlungswerte in Wohnung festgestellt
In der Wohnung des Verdächtigen stellten die Einsatzkräfte nach Angaben der Polizei geringe Strahlungswerte fest. Die Behörden reagierten darauf mit einer vorsorglichen Versiegelung der Wohnung. Damit ist die Wohnung zunächst nicht bewohnbar. Sie soll gereinigt und anschließend erneut messtechnisch überprüft werden. Erst wenn die zuständigen Stellen keine relevante Belastung mehr feststellen, kann sie wieder freigegeben werden. Die Wohnung befindet sich nach Angaben der Polizei in einem Mehrfamilienhaus. Trotz dieser räumlichen Situation gibt es nach bisherigem Kenntnisstand keinen Hinweis auf eine Gefährdung der übrigen Bewohner oder der Bevölkerung.
Natürlich radioaktives Gestein im Mittelpunkt
Bei dem untersuchten Material soll es sich nach ersten Erkenntnissen um natürlich vorkommendes Gestein mit radioaktiven Bestandteilen handeln. Zusätzlich besteht der Verdacht, dass das Material mit Schwermetallen belastet sein könnte. Das ist ein entscheidender Unterschied zu einem Szenario mit künstlich erzeugten radioaktiven Stoffen aus einem Kernkraftwerk oder einer nuklearen Anlage. Bestimmte Mineralien und Gesteine enthalten von Natur aus radioaktive Elemente. Werden solche Materialien jedoch unsachgemäß gesammelt, gelagert oder bearbeitet, können daraus je nach Art und Menge gesundheitliche Risiken entstehen.
Besonders problematisch: Bearbeitung des Materials
Nach Angaben der Polizei könnte eine mechanische Bearbeitung des Gesteins problematisch sein. Beim Zerkleinern, Schleifen oder anderweitigen Bearbeiten können feine Partikel entstehen. Solcher Staub kann radioaktive Bestandteile und möglicherweise vorhandene Schwermetalle enthalten. Wird er eingeatmet oder kommt er ungeschützt mit dem Körper in Kontakt, kann daraus ein Gesundheitsrisiko entstehen. Ob das Material tatsächlich in dieser Weise bearbeitet wurde, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
CBRN-Spezialkräfte sichern den Einsatz
Wegen des möglichen Umgangs mit radioaktivem Material wurden neben der Polizei auch spezialisierte Einsatzkräfte hinzugezogen. Dazu gehören sogenannte CBRN-Einheiten. CBRN steht für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren. Solche Einheiten verfügen über spezielle Schutzkleidung, Messgeräte und Dekontaminationstechnik und kommen immer dann zum Einsatz, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass gefährliche Stoffe freigesetzt wurden. Auch Fachbehörden für Strahlenschutz und Feuerwehren waren beteiligt. Die umfangreichen Maßnahmen dienten deshalb nicht nur der Gefahrenabwehr, sondern auch der möglichst genauen Erfassung der Situation.
Straße zeitweise abgesperrt
Während des Einsatzes wurden betroffene Bereiche abgesperrt. Die Polizei forderte die Bevölkerung auf, den Einsatzbereich möglichst weiträumig zu meiden und nicht über die Hintergründe der Maßnahmen zu spekulieren. Das ungewöhnliche Aufgebot an Einsatzfahrzeugen und Spezialkräften hatte entsprechend für Aufmerksamkeit gesorgt. Eine unmittelbare Gefahr für Anwohner oder Passanten bestand nach Angaben der Polizei jedoch nicht. Gegen den 24-Jährigen wird ermittelt. Eine Festnahme erfolgte nach den bislang veröffentlichten Informationen nicht. Die Behörden müssen zunächst weitere Untersuchungen durchführen und die Herkunft, Beschaffenheit und Menge des Materials klären. Auch die Frage, ob und in welchem Umfang gegen Vorschriften zum Umgang mit radioaktiven Stoffen verstoßen wurde, ist noch offen.
Die Polizei hält sich mit weiteren Einzelheiten zurück. Begründet wird dies unter anderem mit ermittlungstaktischen Erwägungen.
Kein Strahlenalarm für St. Ingbert
Trotz der Bilder von Spezialkräften und Einsatzfahrzeugen ist die Situation nicht mit einem größeren radiologischen Unfall gleichzusetzen. Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es keine großflächige radioaktive Belastung und keine Gefahr für die Bevölkerung. Die festgestellten Strahlungswerte in der Wohnung führten vielmehr zu einer gezielten Sicherungsmaßnahme. Die Behörden wollen damit verhindern, dass möglicherweise belastetes Material weiter bewegt oder bearbeitet wird, bevor seine genaue Beschaffenheit geklärt ist.
Warum radioaktive Mineralien problematisch sein können
Radioaktivität kommt nicht ausschließlich in technischen Anlagen oder durch künstlich erzeugte Quellen vor. Zahlreiche Mineralien enthalten natürliche radioaktive Elemente. Je nach Zusammensetzung und Konzentration kann deren Strahlung unterschiedlich stark ausfallen. Für die Bewertung eines solchen Fundes sind deshalb mehrere Faktoren entscheidend: die Art des Materials, die Menge, die Aktivität, die Lagerbedingungen und die Frage, ob radioaktiver Staub entstehen konnte. Ein Gesteinsstück mit natürlicher Radioaktivität ist daher nicht automatisch eine akute Gefahr. Anders kann die Situation aussehen, wenn größere Mengen gesammelt, konzentriert oder mechanisch bearbeitet werden.
Ermittlungen und Messungen laufen weiter
Für die Einsatzkräfte geht es nun vor allem darum, ein genaues Bild der Situation zu erhalten. Das Material muss untersucht und die vorhandene Strahlung präzise bestimmt werden. Parallel muss geklärt werden, ob weitere Orte oder Gegenstände betroffen sind. Auch die versiegelte Wohnung soll nach einer Reinigung erneut vermessen werden. Erst wenn die Fachbehörden bestätigen können, dass keine relevante Kontamination mehr vorhanden ist, kann die Wohnung wieder freigegeben werden.
Großeinsatz zeigt Grenzen des Alltagswissens
Der Fall aus St. Ingbert macht deutlich, wie schnell aus einem zunächst ungewöhnlichen Hobby oder Umgang mit Mineralien ein Fall für den spezialisierten Katastrophen- und Strahlenschutz werden kann. Für Laien ist kaum zuverlässig einzuschätzen, welche Mineralien eine relevante radioaktive Belastung aufweisen und welche Gefahren bei ihrer Bearbeitung entstehen können. Entsprechend greifen Behörden bei einem konkreten Verdacht frühzeitig auf Spezialkräfte zurück. Das erklärt auch den vergleichsweise großen Kräfteansatz in St. Ingbert. Nicht die bereits festgestellte Gefahr allein bestimmt die Einsatzmaßnahmen, sondern vor allem die Frage, welche Gefahr zunächst nicht ausgeschlossen werden kann.


