Eine aktuelle Kriegssimulation sorgt in sicherheitspolitischen Kreisen für erhebliche Unruhe. Das Planspiel, an dem frühere deutsche Regierungs- und Nato-Vertreter sowie internationale Experten beteiligt waren, zeichnet ein düsteres Szenario: Russland könnte bei einem begrenzten Angriff gegen ein Nato-Mitglied binnen weniger Tage entscheidende militärische Ziele erreichen.
Die Übung, über die unter anderem internationale Medien unter Bezug auf Berichte des Wall Street Journal berichten, spielte eine hypothetische Lage im Oktober 2026 durch. Sicherheitsexperten halten es demnach für möglich, dass Moskau innerhalb relativ kurzer Zeit – teilweise wird von etwa einem Jahr gesprochen – die notwendigen Fähigkeiten für ein solches Vorgehen besitzen könnte.
Angriff unter Vorwand einer „humanitären Krise“
Im simulierten Szenario nutzt Russland eine angebliche humanitäre Notlage in der Ostsee-Exklave Kaliningrad als politisches Vorwandnarrativ. Ziel des militärischen Vorstoßes ist die litauische Stadt Marijampolė, die in unmittelbarer Nähe eines strategisch wichtigen europäischen Verkehrskorridors liegt.
Nach Auswertung der Übung gelang es den russischen Streitkräften, zentrale Ziele mit vergleichsweise geringem Mitteleinsatz zu erreichen. Teilweise wurde davon ausgegangen, dass bereits eine Anfangstruppe von rund 15.000 Soldaten ausreichen könnte, um schnell operative Kontrolle in der Region zu erlangen.
Ein beteiligter Analyst erklärte, Russland habe in der Simulation wesentliche Ziele erreicht, ohne umfangreiche Truppenbewegungen durchführen zu müssen – ein Hinweis auf die Wirksamkeit hybrider und begrenzter Militäraktionen.
Zögerliche Nato-Reaktion als entscheidender Schwachpunkt
Besonders alarmierend fiel die simulierte Reaktion des Bündnisses aus. Mehrere Teilnehmer beschrieben, dass politische Unsicherheit, fehlende Führungsimpulse und eine zögerliche Entscheidungsfindung dazu führten, dass keine schnelle militärische Gegenmaßnahme eingeleitet wurde.
In einigen Szenarien wurde sogar angenommen, dass die USA die Aktivierung des Bündnisfalls nach Artikel 5 zunächst nicht unterstützen würden, während europäische Staaten vor allem auf Deeskalation setzten.
Diese Kombination aus politischem Zögern und mangelnder Geschlossenheit ermöglichte es Russland im Planspiel, innerhalb weniger Tage die militärische Initiative zu übernehmen und strategische Vorteile im gesamten Ostseeraum zu sichern.
Debatte über Europas Verteidigungsfähigkeit nimmt Fahrt auf
Die Ergebnisse der Simulation haben in europäischen Hauptstädten eine neue Diskussion über Abschreckung, Einsatzbereitschaft und Reaktionszeiten ausgelöst. Regierungen prüfen laut Berichten erneut, wie schnell sie auf begrenzte militärische Vorstöße an der Nato-Ostflanke reagieren könnten.
Sicherheitsexperten warnen, dass gerade schnelle, lokal begrenzte Operationen eine Schwachstelle moderner Bündnissysteme darstellen: Werden früh Fakten geschaffen, steigt der politische und militärische Preis einer Gegenoffensive drastisch.
Die Simulation gilt deshalb weniger als Prognose eines konkreten Angriffs, sondern als Warnsignal. Sie zeigt, wie entscheidend klare Führungsstrukturen, glaubwürdige Abschreckung und schnelle Entscheidungsprozesse für die Stabilität der Nato-Ostflanke bleiben.


