Gießen. Gießen erlebt an diesem Wochenende eine Ausnahmesituation, die selbst für politisch aufgeheizte Zeiten ungewöhnlich ist. Rund um die Hessenhallen hat sich ein Szenario aufgebaut, das an ein militärisches Großmanöver erinnert: Hunderte Polizeifahrzeuge, Wasserwerfer, Räumpanzer und kilometerlange Absperrungen verwandeln das Areal in eine streng gesicherte Zone. Der Grund ist der Gründungsparteitag der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“, der am Samstag stattfinden soll – ein Ereignis, das massiven Widerstand mobilisiert.
Die Stadt bereitet sich auf zehntausende Demonstranten vor. Laut Polizei sind knapp 30 Kundgebungen, Protestmärsche und Mahnwachen angemeldet, insgesamt werden etwa 50.000 Teilnehmer erwartet. Das Bündnis „Widersetzen“ kündigte an, die Zufahrtswege zu blockieren, um die Veranstaltung zu verhindern. Die Sicherheitsbehörden rechnen damit, dass ein großer Teil der Protestierenden bereits in den frühen Morgenstunden in die Stadt strömen wird.
Schon am Freitag wurde der nordwestliche Bereich Gießens vollständig abgeriegelt. Straßen sind gesperrt, Brücken über die Lahn werden rund um die Uhr bewacht, Einsatzkräfte kontrollieren an Kreuzungen jeden Wagen. Quer gestellte Einsatzfahrzeuge, mobile Gefangeneneinheiten und Sperrgitter sollen verhindern, dass Demonstranten zu den Hessenhallen vordringen. Auf der gegenüberliegenden Seite Richtung Heuchelheim ist eine zweite massive Sicherheitslinie errichtet worden. Dort erwarten die Behörden mehrere tausend Aktivisten, die gezielt Zufahrten blockieren wollen.
Der logistische Kraftakt für die Polizei ist enorm: 6000 Beamtinnen und Beamte aus 14 Bundesländern sowie der Bundespolizei sind in der Stadt, unterstützt von Reiterstaffeln, Diensthunden und mehreren Hubschraubern. Die zentrale Herausforderung besteht darin, rund 1000 AfD-Teilnehmer sicher durch die erwarteten Menschenmassen zu leiten.
Für Gießen bedeutet dieser Einsatz einen Ausnahmezustand. Schulen blieben bereits am Freitag geschlossen, viele Geschäfte verriegelten vorzeitig. Am Samstag öffnen zahlreiche Läden und Restaurants erst gar nicht – die Angst vor Ausschreitungen ist groß. Die Polizei warnt, dass in den mehr als 200 angekündigten Reisebussen auch gewaltbereite Gruppen unterwegs sein könnten. Linksautonome hatten im Vorfeld offen gedroht, das Treffen um jeden Preis zu verhindern und Gießen „brennen zu lassen“.
Die Stadt steht damit vor einem der größten und angespanntesten Polizeieinsätze ihrer Geschichte – mit ungewissem Ausgang.


