Strenger Islam holt Frankreichs Jugend ab

Paris. Der Islamismus gewinnt unter jungen Musliminnen und Muslimen in Frankreich deutlich an Einfluss. Das zeigt eine neue Langzeitstudie des Meinungsforschungsinstituts Ifop, über die Le Figaro berichtet. Besonders stark ist die Entwicklung bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund: Sie wenden sich zunehmend strengen religiösen Normen zu – und zeigen häufiger Sympathien für islamistische Bewegungen als ältere Generationen. Ähnliche Tendenzen seien auch in Deutschland erkennbar.

Junge Muslime werden religiöser – und politisch radikaler

Studienleiter François Kraus bezeichnet die Ergebnisse als „Re-Islamisierung“ und spricht von einer „klaren Rückkehr zu rigiden religiösen Identitätsmustern“. Die Daten zeigen eine deutliche Verschiebung: Viele religiöse Praktiken, die früher vor allem von älteren oder sehr gläubigen Muslimen ausgeübt wurden, sind heute bei Jugendlichen weit verbreitet.

So stieg der regelmäßige Moscheebesuch in der Altersgruppe der unter 25-Jährigen innerhalb von 36 Jahren von sieben auf 40 Prozent. Die Einhaltung des Ramadans ist von 51 auf 83 Prozent gestiegen. Und auch das Kopftuch wird deutlich häufiger getragen: 45 Prozent der jungen Frauen geben an, einen Schleier zu tragen – dreimal so viele wie 2003.

Parallel dazu wächst auch die Häufigkeit des täglichen Gebets. 67 Prozent der jungen Muslime beten mindestens einmal am Tag – doppelt so viele wie Ende der 1980er-Jahre.

Rigorose Geschlechterrollen und Distanz im Alltag

Die Studie zeigt starke Veränderungen im Umgang zwischen den Geschlechtern. 45 Prozent der Männer unter 35 Jahren und 57 Prozent der gleichaltrigen Frauen lehnen mindestens eine Form der direkten Interaktion mit dem anderen Geschlecht ab, etwa Händeschütteln, medizinische Behandlung oder gemischte Schwimmbäder. Fast die Hälfte der unter 25-Jährigen würde selbst im freundschaftlichen Kontext auf Küssen zur Begrüßung verzichten.

42 Prozent sympathisieren mit islamistischen Bewegungen

Besonders brisant: Laut Ifop-Studie äußern 42 Prozent der unter 25-jährigen Muslime Sympathien für islamistische Strömungen. Im Gesamtdurchschnitt aller Muslime liegt dieser Wert bei 33 Prozent – 1998 waren es erst 19 Prozent. Gewaltbereiter Dschihadismus bleibt zwar klar abgelehnt, doch fundamentalistische Ideologien finden zunehmend Zuspruch.

Die Muslimbruderschaft erhält die höchsten Zustimmungswerte: Ein Drittel der jungen Muslime sieht die Bewegung positiv. Andere Strömungen wie Salafismus, Wahhabismus oder Tabligh erreichen zwischen acht und neun Prozent Zustimmung.

Religiöse Regeln wichtiger als staatliches Recht

Einen besonders deutlichen Bruch mit gesamtgesellschaftlichen Normen zeigt die Frage nach der Bedeutung staatlicher Gesetze: 57 Prozent der 15- bis 24-Jährigen stellen islamische Vorschriften über staatliches Recht. Im Durchschnitt aller Muslime tun dies 49 Prozent.

Auch beim Verhältnis von Religion und Wissenschaft wird der Generationenunterschied sichtbar. Unter jungen Muslimen bevorzugen 82 Prozent die religiöse Schöpfungslehre gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen – weit mehr als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (19 Prozent).

Ältere Generationen deutlich weniger konservativ

Die Studie zeigt, dass ältere Muslime erheblich weniger streng religiös leben. Das Kopftuch wird bei Frauen über 50 Jahren seltener getragen als früher, auch Moscheebesuche sind deutlich weniger verbreitet.

Während 1998 noch 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen angaben, der Islam müsse sich modernisieren, sagen dies heute nur noch zwölf Prozent der unter 25-Jährigen.

Wendepunkt zur Mitte der 2010er-Jahre

Die Forscher sehen einen deutlichen Trendwechsel zwischen 2016 und 2019. In diesen Jahren stiegen mehrere Indikatoren religiöser Strenge an – zeitgleich mit der Hochphase des „Islamischen Staates“ und einer intensiven öffentlichen Debatte über Islamismus in Frankreich.

Wachsende muslimische Bevölkerung – und anhaltender Trend

Sieben Prozent der französischen Bevölkerung bezeichnen sich laut Ifop als Muslime. 1985 waren es weniger als ein Prozent. Experten erwarten nicht, dass der Trend zur stärkeren religiösen Orientierung nachlassen wird. Mit dem Generationenwechsel dürfte er sich eher verstärken.

Die Studie beruht auf einer Befragung von 1.005 Musliminnen und Muslimen im Zeitraum vom 8. August bis 2. September.

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