Trotz der seit Wochen bestehenden Waffenruhe bleibt die Lage im Gazastreifen hoch angespannt. Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben erneut einen Luftangriff durchgeführt und dabei sechs Menschen getötet. Der Angriff ereignete sich in einem Gebiet südlich von Rafah, das laut Militär hinter der sogenannten „gelben Linie“ liegt – jener Grenze, bis zu der sich israelische Streitkräfte im Rahmen der Vereinbarung zurückgezogen hatten.
Die Armee erklärte, bei den Getöteten handele es sich um bewaffnete Kämpfer, die aus einem Tunnel gekommen seien und eine direkte Bedrohung für israelische Soldaten dargestellt hätten. Insgesamt sollen etwa 15 Personen an zwei Stellen aus dem Tunnelsystem aufgetaucht sein. Fünf von ihnen hätten sich ergeben und seien zur Befragung nach Israel gebracht worden. Palästinensische Medien berichten ebenfalls von einem Toten im Süden des Küstenstreifens – ob es derselbe Vorfall ist, bleibt unklar. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben beider Seiten derzeit nicht.
Tunnelnetz unter Rafah: Israel meldet verbliebene Hamas-Kämpfer
Seit Wochen versuchen israelische Truppen, die unterirdische Infrastruktur in Rafah zu zerstören. Nach israelischen Medienberichten sollen sich dort noch 100 bis 200 bewaffnete Hamas-Mitglieder verschanzt haben. Sie sollen in indirekten Gesprächen ein freies Geleit in Gebiete fordern, die nicht von Israel kontrolliert werden – bislang ohne Erfolg.
Zivile Opfer trotz Waffenruhe
Während sich beide Seiten gegenseitig Verstöße gegen die Waffenruhe vorwerfen, berichten Hilfsorganisationen weiterhin von zivilen Opfern. Ärzte ohne Grenzen meldete, dass medizinische Teams im Norden und Süden des Gazastreifens regelmäßig Frauen und Kinder mit schweren Verletzungen behandeln müssten – darunter offene Brüche und Schusswunden. Auch UNICEF bestätigte erneut Opfer unter Minderjährigen: Seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober seien mindestens 67 Kinder getötet und viele weitere verletzt worden. Durchschnittlich sterben demnach fast zwei Kinder pro Tag.
Versorgungslage weiter katastrophal
Parallel dazu verschärft sich die humanitäre Krise. Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) haben Hunderttausende Menschen weiterhin keinen ausreichenden Zugang zu Lebensmitteln. Seit Beginn der Waffenruhe brachte die UN-Organisation mehr als 40.000 Tonnen Nahrungsmittel in das Gebiet – doch dies deckt erst rund ein Drittel des Monatsbedarfs. Von den rund zwei Millionen Einwohnern konnten bisher 530.000 Menschen erreicht werden. Die Welthungerhilfe weist darauf hin, dass viele Familien weiterhin nur eine Mahlzeit pro Tag haben.
Die Entwicklungen zeigen: Auch sechs Wochen nach Inkrafttreten der Waffenruhe bleibt der Gazastreifen eine Region, in der militärische Spannungen, humanitäre Not und politische Blockaden unvermindert anhalten.


