Firmenpleiten auf höchstem Stand seit 2015

Die ohnehin angeschlagene deutsche Wirtschaft rutscht tiefer in die Krise: Die Zahl der Firmenpleiten steigt auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt. Nach aktuellen Hochrechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform werden bis Ende des Jahres rund 23.900 Unternehmen Insolvenz angemeldet haben – ein Wert, der zuletzt 2014 erreicht wurde. Und die Entwicklung zeigt weiter nach oben.

Creditreform-Hauptgeschäftsführer Bernd Bütow spricht von einer „zugespitzten wirtschaftlichen Ausnahmesituation“, die sich in den kommenden Monaten sogar noch verschärfen könnte. Die Auskunftei bewertet die Bonität vieler Branchen zunehmend schlechter. Gleichzeitig steigt auch die Zahl der Privatinsolvenzen deutlich an. Für Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch ist klar: „Wir stehen erst am Anfang einer neuen Welle.“

Die Analyse der Wirtschaftsforscher zeigt, wie breit die Probleme gestreut sind. Der Außenhandel leidet unter wegbrechenden Absatzmärkten, hohen Energiepreisen, neuen US-Zöllen und wachsendem Wettbewerbsdruck aus China. Für die exportorientierte Industrie sei das ein toxisches Umfeld. Hantzsch formuliert es drastisch: „Der Maschinenraum Deutschlands steht unter massivem Druck.“ Parallel bricht die Inlandsnachfrage ein, Verbraucher sparen, Unternehmen investieren zurückhaltend. Die Folge ist eine spürbare Insolvenzdynamik in nahezu allen Wirtschaftssektoren.

Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Gesundheitswesen. Obwohl Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen grundsätzlich über stabile Nachfrage verfügen, verzeichnet die Branche 2025 eine ungewöhnlich hohe Zahl an Großinsolvenzen. Zu den betroffenen Einrichtungen zählen unter anderem die Krankenhaus-Gesellschaft des Roten Kreuzes in Rheinland-Pfalz, das Erzgebirgsklinikum, die Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, die Argentum Pflegegruppe und die Arbeiterwohlfahrt des Kreises Wesel. Die Gründe reichen von steigenden Personal- und Energiekosten bis hin zu strukturellen Mängeln in der betriebswirtschaftlichen Organisation. Trotz der Insolvenzen bleibe die Versorgung meist erhalten, weil Wettbewerber und Träger häufig die Einrichtungen und das dringend benötigte Personal übernehmen.

Gleichzeitig warnt Creditreform vor einem langfristigen Verlust an Know-how. Neben maroden Betrieben geraten zunehmend auch Unternehmen in Schieflage, die eigentlich über tragfähige Geschäftsmodelle verfügen. Produzenten hochspezialisierter Güter oder Automobilzulieferer sehen sich mit Kostenexplosionen konfrontiert, die selbst bei voller Auftragslage existenzbedrohend werden können. „Die todsicheren Geschäftsmodelle erodieren“, sagt Hantzsch und warnt vor dauerhaften Lücken in technischen und industriellen Kernkompetenzen.

Creditreform stützt sich auf aktuelle Meldungen aus Wirtschaft und Behörden und liefert damit ein zeitnahes Bild der Lage – anders als die offiziellen Statistiken, die regelmäßig Quartalsverzug aufweisen. Für das Gesamtjahr rechnet die Auskunftei mit knapp 130.000 Insolvenzfällen. Dazu zählen rund 24.000 Unternehmensinsolvenzen, über 76.000 Privatinsolvenzen sowie etwa 30.000 „sonstige Insolvenzen“, zu denen gescheiterte Selbständige, Beteiligte insolventer Firmen und überschuldete Erbschaften gehören. Die Zahlen zeigen eine Entwicklung, die nach Einschätzung der Experten strukturell ist – und nicht kurzfristig verschwinden wird.

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