Seit gestern gilt in der Europäischen Union eine weitreichende neue Regelung: Russland steht nun offiziell auf der EU-Liste der Hochrisiko-Länder für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung. Der Schritt verschärft den wirtschaftlichen und finanziellen Druck auf Moskau erheblich – mit spürbaren Konsequenzen nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Millionen russischer Staatsbürger, die in der EU leben oder mit europäischen Banken zu tun haben.
Der Beschluss war Anfang Dezember gefasst worden und trat nach Zustimmung von Europäischem Parlament und Europäischem Rat in Kraft. Zur Begründung verweist die EU auf strukturelle Defizite im russischen Finanzsystem sowie auf Korruption und organisierte Kriminalität, die aus Sicht Brüssels eng mit staatlichen Strukturen verflochten sind. Zudem werfen EU-Abgeordnete Russland vor, den Krieg gegen die Ukraine mithilfe korrupter Finanzströme zu finanzieren und internationale Sanktionen systematisch zu umgehen.
In einem offiziellen EU-Dokument heißt es, es seien „mehrere strategische Schwachstellen“ festgestellt worden. Genannt werden unter anderem mangelnde Unabhängigkeit der russischen Finanzfahndung, Defizite bei der Transparenz wirtschaftlich Berechtigter, unzureichende Datenqualität sowie Lücken bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung – insbesondere im Bereich von Kryptoanlagen. Diese Mängel stellten ein erhebliches Risiko für den europäischen Binnenmarkt dar.
EU-Liste geht weiter als internationale Standards
Die Entscheidung ist politisch brisant, weil sie über die internationale Praxis hinausgeht. Russland steht bislang nicht auf der sogenannten schwarzen Liste der Financial Action Task Force (FATF), der weltweit wichtigsten Organisation zur Bekämpfung von Geldwäsche. Dort scheiterte eine vollständige Listung bisher am Widerstand mehrerer Staaten, darunter China, Indien, Saudi-Arabien und Südafrika. Zwar ist Russlands FATF-Mitgliedschaft seit 2023 ausgesetzt, formal bleibt Moskau jedoch Teil des Gremiums.
Die EU geht nun eigenständig vor. Ihre Hochrisiko-Liste wurde zuletzt im August 2025 erweitert und umfasst mittlerweile zahlreiche Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika sowie das Fürstentum Monaco. Russland reiht sich damit in eine Kategorie ein, die bislang vor allem mit international isolierten Regimen wie Nordkorea, Iran oder Syrien verbunden war.
Banken müssen jede Russland-Transaktion prüfen
Die unmittelbaren Folgen sind erheblich. Für europäische Banken gilt künftig eine umfassende verschärfte Sorgfaltspflicht bei allen Geschäften mit Russland-Bezug. Das betrifft Konteneröffnungen, Überweisungen, Investitionen und selbst indirekte Transaktionen über Drittstaaten. Jede Zahlung mit Bezug zu Russland muss zusätzlich geprüft und dokumentiert werden.
Anders als bisher beschränken sich die Kontrollen nicht mehr auf einzelne sanktionierte Unternehmen oder Personen. Nun geraten grundsätzlich alle russischen Firmen und Privatpersonen in den Fokus der Compliance-Systeme. Banken können detaillierte Nachweise zur Herkunft von Geldern verlangen, Zahlungen verzögern oder vollständig ablehnen, wenn Zweifel bestehen.
Für Unternehmen bedeutet das höhere Kosten, längere Abwicklungszeiten und wachsende Rechtsunsicherheit. Viele dürften sich aus Vorsicht ganz aus Russland-Geschäften zurückziehen – selbst dort, wo diese formal noch erlaubt wären.
Handel schrumpft weiter, Energieimporte geraten unter Druck
Die Einstufung dürfte den ohnehin stark geschrumpften Handel zwischen der EU und Russland weiter belasten. Bereits im dritten Quartal 2025 fiel das Handelsvolumen auf rund 13 Milliarden Euro – den niedrigsten Wert seit mehr als zwei Jahrzehnten. Russlands Anteil am EU-Außenhandel liegt nur noch bei etwa einem Prozent.
Zwar importiert die EU weiterhin russisches Erdgas und Rohöl, doch auch diese Lieferungen verlieren an Bedeutung. Experten gehen davon aus, dass die erschwerten Zahlungsströme den endgültigen Abschied von russischen Energieimporten beschleunigen könnten, da selbst legale Geschäfte zunehmend schwer abzuwickeln sind.
Russen in der EU besonders betroffen
Besonders drastisch sind die Auswirkungen für russische Staatsbürger in Europa. Banken werden ihre Kunden mit russischem Pass künftig ausnahmslos als Hochrisikofälle behandeln – unabhängig von politischer Haltung, Aufenthaltsstatus oder Wohnsitzdauer. Auch Oppositionelle, Journalisten oder seit Jahren integrierte Migranten geraten damit unter Generalverdacht.
Schon heute berichten viele Betroffene von gesperrten Konten oder verweigerten Dienstleistungen. Mit der neuen Regelung dürfte sich diese Praxis ausweiten. Zahlungen können blockiert, Überweisungen verzögert und zusätzliche Unterlagen verlangt werden. Automatisierte Compliance-Systeme könnten Transaktionen sogar vollständig ablehnen, ohne dass eine individuelle Prüfung erfolgt.
Druck auf Drittstaaten wächst
Auch Banken außerhalb der EU geraten ins Visier. Institute in Ländern wie China, Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Zentralasien müssen abwägen, ob sie weiter mit russischen Kunden arbeiten – oder riskieren, den Zugang zum europäischen Finanzsystem zu verlieren. Für Russland bedeutet das höhere Transaktionskosten, längere Zahlungswege und wachsenden Druck, auf alternative Zahlungssysteme auszuweichen.
Die EU macht damit deutlich: Die finanzielle Isolation Russlands ist nicht abgeschlossen, sondern tritt in eine neue Phase ein – mit spürbaren Folgen weit über Moskau hinaus.


