London. Die NATO verstärkt ihre Nordflanke deutlich. Mit der Entsendung zusätzlicher britischer Truppen nach Norwegen reagiert das Bündnis auf die wachsenden sicherheitspolitischen Spannungen im hohen Norden. Im Zentrum steht die Rückkehr der Royal Marines in den Polarkreis – diesmal nicht nur saisonal, sondern ganzjährig. Grundlage ist das sogenannte Lunna-House-Abkommen, ein weitreichender Verteidigungspakt, den das Vereinigte Königreich und Norwegen im Dezember 2025 unterzeichnet haben.
Kern der Vereinbarung ist der dauerhafte Einsatz der britischen Commando Force unter Führung der Royal Marines in Norwegen. Bislang waren die Eliteeinheiten vor allem in den Wintermonaten für Kälte- und Gebirgstrainings vor Ort. Künftig sollen sie das ganze Jahr über in der Region operieren. Für die NATO bedeutet dies eine spürbare Aufstockung ihrer militärischen Präsenz in der Arktis – und den ersten konkreten Schritt zur Umsetzung des neuen Abkommens.
Hintergrund ist die zunehmende strategische Bedeutung der Region. Die NATO sieht sich mit einer verstärkten russischen Militärpräsenz konfrontiert, insbesondere mit wachsender U-Boot-Aktivität im Nordatlantik. Hinzu kommt die immer engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen Russland und China, die auch den arktischen Raum umfasst. Kritische Unterwasserinfrastruktur, Seewege und Kommunikationskabel rücken damit verstärkt in den Fokus militärischer Planung.
Das Lunna-House-Abkommen zielt langfristig auf den Aufbau einer gemeinsamen, interoperablen Flotte moderner U-Boot-Abwehrfregatten im Nordatlantik ab. Die zusätzliche Stationierung britischer Truppen in Norwegen gilt als Signal an Moskau und Peking, dass die NATO entschlossen ist, ihren strategischen Vorteil im hohen Norden zu behaupten.
Zugleich unterstreicht der Schritt die enge sicherheitspolitische Bindung zwischen London und Oslo. Mit kampferprobten Royal Marines vor Ort will Großbritannien im Ernstfall schnell handlungsfähig sein – in einer der unwirtlichsten und militärisch anspruchsvollsten Regionen der Welt. Die norwegische Arktis gilt als Schlüsselraum für die Kontrolle des Nordatlantiks und der Zugänge zur Barentssee.
Bereits 2023 hatte die britische Commando Force mit Camp Viking nahe Øverbygd, rund 65 Kilometer südlich von Tromsø, einen festen Stützpunkt eingerichtet. In diesem Jahr kehren rund 1.500 britische Soldaten dorthin zurück, unterstützt von geländegängigen Fahrzeugen und Hubschraubern der Commando Helicopter Force. Die Einheiten werden entlang der zerklüfteten Küstenlinien sowie im Gebirge Nordnorwegens operieren.
Ein zentraler Schwerpunkt ist die Teilnahme an der Übung „Cold Response“, der größten norwegischen Militärübung des Jahres 2026. Sie gilt als Schaufenster der NATO-Abschreckung im hohen Norden und soll die Fähigkeit des Bündnisses demonstrieren, auch unter extremen klimatischen Bedingungen geschlossen zu handeln. Neben norwegischen Streitkräften trainieren die britischen Kommandos auch mit Marineinfanteristen aus den Niederlanden den gemeinsamen Einsatz über Fjorde, Berge und arktische Küsten.
Oberstleutnant Chris Armstrong, Kommandeur der 30 Commando Information Exploitation Group, betonte die strategische Ausrichtung des Einsatzes. Die britische Commando Force schärfe gezielt ihre Einsatzbereitschaft für den Kriegseinsatz im hohen Norden. Als Kältespezialisten der NATO setze man auf enge Kooperation, moderne Technologie und intensive Übungsszenarien, um jederzeit einsatzfähig zu bleiben.
Die Sorgen der NATO über die Entwicklungen in der Arktis sind nicht neu. Bereits im Oktober 2024 hatte Admiral Rob Bauer, damaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, vor dem anhaltenden militärischen Ausbau Russlands gewarnt. Die Allianz, so Bauer, habe die Verantwortung, ihre Interessen in der Arktis zu verteidigen, ihre sieben arktischen Mitgliedstaaten zu schützen und die internationale, regelbasierte Ordnung – einschließlich der Freiheit der Schifffahrt – aufrechtzuerhalten.
Mit der dauerhaften Rückkehr der Royal Marines in den Polarkreis macht die NATO nun deutlich: Der hohe Norden rückt ins Zentrum ihrer strategischen Verteidigungsplanung.


